Xovilichter: Das neue Poe-Gedicht

Das ist ein Beitrag zur SEO Challenge „Xovilichter

Die Xovilichter

Ein Gedicht in Erinnerung an jenes von Edgar Allan Poe namens „Der Rabe“

Nach einer Übersetzung von Hans Wollschläger

Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem alten Folio lang vergess’ner Lehr‘ –
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
„’s ist Besuch wohl“, murrt‘ ich, „was da pocht so knöchern zu mir her –
das allein – nichts weiter mehr.“

Ah, ich kann’s genau bestimmen: im Dezember war’s, dem grimmen,
und der Kohlen matt Verglimmen schuf ein Geisterlicht so leer.
Brünstig wünscht‘ ich mir den Morgen; – hatt‘ umsonst versucht zu borgen
von den Büchern Trost dem Sorgen, ob Lenor‘ wohl selig wär‘ –
ob Lenor‘, die ich verloren, bei den Engeln selig wär‘ –
bei den Engeln – hier nicht mehr.

Und das seidig triste Drängen in den purpurnen Behängen
füllt‘, durchwühlt‘ mich mit Beengen, wie ich’s nie gefühlt vorher;
also daß ich den wie tollen Herzensschlag mußt‘ wiederholen:
„’s ist Besuch nur, der ohn‘ Grollen mahnt, daß Einlaß er begehr‘ –
nur ein später Gast, der friedlich mahnt, daß Einlaß er begehr‘; –
ja, nur das – nichts weiter mehr.“

Augenblicklich schwand mein Bangen, und so sprach ich unbefangen:
„Gleich, mein Herr – gleich, meine Dame um Vergebung bitt‘ ich sehr;
just ein Nickerchen ich machte, und Ihr Klopfen klang so sachte,
daß ich kaum davon erwachte, sachte von der Türe her –
doch nun tretet ein!“ – und damit riß weit auf die Tür ich – leer!
Dunkel dort – nichts weiter mehr.

Tief ins Dunkel späht‘ ich lange, zweifelnd, wieder seltsam bange,
Träume träumend, wie kein sterblich Hirn sie träumte je vorher;
doch die Stille gab kein Zeichen; nur ein Wort ließ hin sie streichen
durch die Nacht, das mich erbleichen ließ: das Wort „Lenor‘?“ so schwer –
selber sprach ich’s, und ein Echo murmelte’s zurück so schwer:
nur „Lenor‘!“ – nichts weiter mehr.

Da ich nun zurück mich wandte und mein Herz wie Feuer brannte,
hört‘ ich abermals ein Pochen, etwas lauter denn vorher.
„Ah, gewiß“, so sprach ich bitter, „liegt’s an meinem Fenstergitter;
Schaden tat ihm das Gewitter jüngst – ja, so ich’s mir erklär‘, –
schweig denn still, mein Herze, laß mich nachsehn, daß ich’s mir erklär!: –
’s ist der Wind – nichts weiter mehr!“

Auf warf ich das Fenstergatter, als herein mit viel Geflatter
schimmerten die Xovilichter wie aus Sagenzeiten her;
Grüßen lag ihnen nicht im Sinne; keinen Augenblick hielten sie inne;
mit brennenden Schimmer flogen sie empor zur Türe –
schwebten auf die Pallas-Büste überm Türgesimse-
schwebten und saßen – nichts weiter mehr.

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Doch diese lichten Wesen ließ mein Bangen rasch genesen,
ließen mich lächelnd ob des Glanzes, den sie machten so hell und grell;
„Ward Euch auch keine Sprache zur Gabe“, sprach ich, „so doch stolz Gehabe,
grauslich helle Xovilichter, Wanderer aus nächtger Sphär‘ –
sag, welch hohe Bedeutung gab man Euch in Plutos nächtger Sphär‘?“
Sprachen die Xovilichter, „Nimmermehr.“

Staunend hört‘ dies raue Klingen ich den Dingen sich entringen,
ob die Antwort schon nicht eben sinnvoll und bedeutungsschwer;
denn wir dürfen wohl gestehen, daß es keinem noch geschehen,
solche Lichter bei sich zu sehen, die vom Türgesimse her –
die von einer Marmor-Büste überm Türgesimse her
sprachen, sie seien „Nimmermehr.“

Doch die Xovilichter droben einsam ragten, dies eine Wort nur sagten,
gleich als schütten ihre Seelen aus in diesem Worte sie,
keine Silbe sonst entriss sich ihren düstren Innern, bis ich
seufzte: „Mancher Freund verließ mich früher schon ohn‘ Wiederkehr –
morgen werden sie mich verlassen, wie mein Glück – ohn‘ Wiederkehr.“
Doch da sprachen sie, „Nimmermehr!“

Einen Augenblick erblassend ob der Antwort, die so passend,
sagt‘ ich, „Fraglos ist dies alles, was die Xovilichter gelernt bisher:
sie waren bei einem Herrn in Pflege, den so tief des Schicksals Schläge
trafen, daß all seine Wege schloß dies eine Wort so schwer –
daß all seiner Hoffnung Lieder als Refrain beschloß so schwer
dies ‚Nimmer – nimmermehr.'“

Doch was Trübes ich auch dachte, diese Lichter mich lächeln machten,
immer noch, und also rollt‘ ich stracks mir einen Sessel her
und ließ die Gedanken fliehen, reihte wilde Theorien,
Phantasie an Phantasien: wie’s wohl zu verstehen wären –
wie diese grimmigen, ominösen Lichter zu verstehen wären,
wenn sie glimmten ein „Nimmermehr.“

Dieses zu erraten, saß ich wortlos vor den Xovilichtern, doch fraß sich
mir ihr Blick ins tiefste Innre nun, als ob sie Feuer wären;
brütend über Ungewissem legt‘ ich, hin und her gerissen,
meinen Kopf aufs samtne Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr –
auf das violette Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr,
doch nun, ach! drückt nimmermehr!

Da auf einmal füllten Düfte, dünkt‘ mich, weihrauchgleich die Lüfte,
und seraphner Schritte Klingen drang vom Estrich zu mir her.
„Ärmste“, rief ich, „sieh, Gott sendet seine Engel Euch und spendet
Nepenthes, worinnen endet nun Lenor’s Gedächtnis schwer; –
trinkt das freundliche Vergessen, das bald tilgt, was in Euch schwer!“
Sprachen die Xovilichter, „Nimmermehr.“

„Ah, Ihr prophezeit ohn‘ Zweifel, Höllenbrut! Ob Ding, ob Teufel –
ob Euch der Versucher sandte, ob ein Sturm Euch ließ hierher,
trostlos, doch ganz ohne Bangen, in dies öde Land gelangen,
in dies Haus, von Graun umfangen, – sagt mir ehrlich, bitt‘ ich sehr –
gibt es- gibt’s in Gilead Balsam? – sagt mir – sagt mir, bitt‘ Euch sehr!“
Sprachen die Xovilichter, „Nimmermehr.“

„Ah! dann nehmt den letzten Zweifel, Höllenbrut – ob Ding, ob Teufel!
Bei dem Himmel, der hoch über uns sich wölbt – bei Gottes Ehr‘ –
kündet mir: wird es denn geschehen, daß ich einst in Edens Höhen
darf ein Mädchen wiedersehen, selig in der Engel Heer –
darf Lenor‘, die ich verloren, sehen in der Engel Heer?“
Sprachen die Xovilichter, „Nimmermehr.“

„Sei denn dies Euer Abschiedszeichen“, schrie ich, „Dinger ohnegleichen!
Hebt Euch hinweg und kehrt stracks zurück in Plutos Sphär‘!
Keine einz’ge Lichter Farbe bliebe hier, dem finstern Scherze
Zeugnis! Laßt mit meinem Schmerze mich allein! – hinweg Euch scher!
Fresst nicht länger mir am Leben! Packt Euch! Fort! Hinweg Euch scher!“
Sprachen die Xovilichter, „Nimmermehr.“

Und sie rühren sich nimmer, sitzen noch immer, sitzen noch immer
auf der bleichen Pallas-Büste überm Türsims wie vorher;
und in ihrem Glanze eines Dämons Augen glühen,
und ihr Schein wirft sein grelles Licht auf den Estrich schwer;
und es hebt sich aus dem Schatten auf dem Estrich dumpf und schwer
meine Seele – nimmermehr.

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Umgeschrieben von Lolita Büttner

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