PUSSY RIOT

WER WAS ZU SAGEN HAT, WERDE LAUT!

© Amnesty International

Niemand außerhalb des Gerichtes sieht ihr Gesicht, ihre Gestalt, als sie sich ausdruckslos mit einer braunen 100seitigen Ledermappe in ihrem ganz persönlichen Thronsaal einfindet. Vor dem Untertanenpulk aus stehenden Prozeß-Zuschauern – alle Sitzbänke sind zuvor entfernt worden – blickt sie noch einmal kurz zu den drei angeklagten Frauen, bevor sie streng verkündet:
„Tolokonnikova, Samutsewitsch und Alechina sind schuldig“
Die Stimme der Richterin Marina Syrova hallt wie ein sanftes Gewitter, welches niemanden mehr überraschen noch verängstigen kann. Nicht einmal die drei Frauen, über die eine Welle der Ungerechtigkeit hereinbricht. Sie sitzen und warten hinter einer dicken Glasscheibe im Gericht.
Will man sie vor uns schützen oder sollen wir vor ihnen geschützt werden?
Alle drei Frauen tragen Handschellen.
Zu jeder Zeit.
In ihren Gesichtern findet sich kaum Anspannung. Sie wussten von Anfang an, was auf sie zukommt. Ein anderes Urteil wäre eine Überraschung, wäre Fairness und Gerechtigkeit gewesen. Soweit scheint Russland noch nicht zu sein. Dass man sie benutzen und nicht nur bestrafen will, auch das wissen die drei Frauen. An ihnen demonstriert ihr Heimatland mal wieder seine knüppelnde Macht und Kontrolle. Sympathien erntet der von der russisch-orthodoxen Kirche beeinflusste föderative Staat dafür nicht.

Im nordöstlichen Eurasien ist Russland flächenmäßig die Nummer 1, doch scheint die Zeit dort ihre eigenen Wege zu gehen. Die Unterschiede und Missstände sind gravierend: In modernen, wohlhabenden, zukunftsträchtigen Städten und hingegen mittelalterlichen, rückständigen Dörfern leben rund 143 Millionen Einwohner.
Drei davon gehören den PUSSY RIOTS an und stehen jetzt vor Gericht.
NADESCHA TOLOKONNIKOVA. 23 Jahre.
Die Schöne.
Eine Philosophie-Studentin, die aus vollster Überzeugung Mutter und provokante Aktivistin ist.
JEKATERINA SAMUTSEWITSCH. Kürzlich 30 Jahre geworden.
Die Geschickte.
Eine Programmiererin, die nach ihrem Informatikstudium bei dem Rüstungsuntnernehmen Morinformsystem-Agat Programme für das Atom-U-Boot „Nerpa“ entwickelte. Sie lebt mit ihrem 73jähigen Vater unter einem Dach.
Und: MARIA ALECHINA. 24 Jahre.
Die Christin.
Eine Studentin für Journalistik und Literatur, die mit ihrer Mutter zusammen lebt und sich für Kinder in einer psychiatrischen Klinik in Moskau engagierte. Am dritten Prozesstag erlitt sie aufgrund eines viel zu niedrigen Blutzuckerspiegels einen Schwächeanfall. Ein Armutszeugnis für die Haftbedingungen der drei Frauen.

PUSSY RIOT ist der leicht ordinär klingende Name einer feministischen Punkrock-Band und Protestbewegung aus Moskau. Sie gehören einer subkulturellen Bewegung des Feminismus an. RIOT GRRRL. Diese ursprünglich aus Amerika stammende Frauenpunk-Szene hatte es sich in den 90igern zum Ziel gesetzt, gegen männliche Dominanz in der Musikszene in den Kampf zu ziehen. Ihre russischen Nacheiferinnen haben sich Wladimir Putin und sein Regime als Gegner ausgesucht. Mit ihrer wilden, künstlerischen Ausdruckweise verleihen die Frauen ihrer politischen Kritik eine Stimme. Seit 2011 sorgen ihre provokanten, nicht zu selten nackten Auftritte für Aufmerksamkeit. Hin und wieder zweifelte man hier an ihrer Motivation, denn ihre aggressive Hartnäckigkeit während ihrer Proteste und der Auflösung dieser durch die Polizei verstörte die breite Masse. So ließen sich die PUSSY RIOTS durch nichts anderes zum Beenden ihrer Proteste bewegen, als durch das grobe Anpacken und gewaltsame Wegschleppen von Polizeikräften.
Männer, die entblößte Frauen ungehobelt davon schleifen.
Eine Wirkung, die nicht zu unterschätzen ist.
Das Markenzeichen der PUSSY RIOTS ist aber nicht nur ihr nackter, agressiver Widerstand sondern auch ihre Maskierung: Bunte, schrille Mützen mit praktischen Schlitzen für Augen, Nase und Mund.
Drei Gesichter, Namen und persönliche Leben der PUSSY RIOTS kennen wir.
Wer aber ist die Frau, die das Urteil gegen die angeklagten Frauen spricht?
Was verbirgt sich hinter Marina Syrova?
Angst.
Die 50jährige ließ sich zum Prozess-Ende von Bodyguards begleiten. Angeblich haben Anhänger der PUSSY RIOT ihr gedroht.
Sie bangt also um ihr Leben, als sie den Gerichtssaal betritt. Wie immer wurden filmende und fotografierende Journalisten des Saales verwiesen. Das Gesicht der Richterin soll der Öffentlichkeit nicht preisgegeben werden. Die drei angeklagten Frauen sitzen dagegen in einem Schaukasten. Die ganze Welt richtet seine Augen auf die drei PUSSY RIOTS. Täglich. Videokameras, die das Verfahren aufzeichnen, fangen nur die Angeklagten, ihre Anwälte, die Prozeß-Zuschauer und die eifrig schreibenden Journalisten ein. Die Richterin aber bleibt im Verborgenen.
Sicherheitsvorkehrungen wie bei einem Prozess gegen den gefährlichsten Feind für Staat und Mensch.
Warum?
Ist Marina Syrova eine Marionette des Kremelchefs?
2008 ernannte Wladimir Putin sie zur Richterin. Das Verfahren gegen die drei PUSSY RIOTS ist ihr erster großer Prozess. Sieben Befangenheitsanträge der Verteidigung wies sie während des Verfahrens rüde ab. Sie hatte den Mut, das Aktivistentum der Frauen in der russischen Kirche als Rowdytum aus religiösem Hass zu verklären und die Frauen für schuldig zu befinden. Mut, ihr Gesicht der Öffentlichkeit zu zeigen, hat sie nicht.
Überhaupt! Religiöser Hass?
Maria Alechina ist gläubige Christin. Sie war es, die in einem Brief an die Kirche um Verzeihung für die Auswahl des falschen Ortes für ihren Protest bat. Dabei zitierte sie die Bibel. Das beeindruckte die russische Kirche, die sich daraufhin wohlwollend und verzeihend öffentlich äußerte.
Richterin Syrova aber ist auf einer Mission. Nichts scheint sie davon abbringen zu können. Eisern und unverhüllt macht sie deutlich, was wir alle schon von Anfang an wussten: Dieser Prozess ist ein politisch motiviertes Verfahren. Eine direkte Ansage Wladimir Putins an alle offenherzigen Bekundungen seiner Zweifel und Gegner.
Russische Freiheit! Lasst dich nicht einschüchtern!
WER WAS ZU SAGEN HAT, WERDE LAUT!

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